Schlagwort-Archive: Wachstum

Masslosigkeit: Ja, aber…

von Peter Sutter

Wenn die SVP – wie sie das in ihrem Abstimmungskampf für die Initiative «Gegen Masseneinwanderung» getan hat – behauptet, «Masslosigkeit schade», hat sie ja eigentlich recht. Nur müsste es ehrlicherweise heissen: «Kapitalismus schadet». Denn diese Masslosigkeit, dieses unbeirrte Festhalten an der Ideologie eines endlosen Wirtschaftswachstums, das Hin- und Herschieben von Gütern quer über alle Grenzen hinweg zu reinen Profitzwecken, die explodierenden Bodenpreise, Wohnungsmieten und Krankenkassenprämien, die wachsende Zahl von Menschen, die dem steigenden Leistungsdruck nicht gewachsen sind und zu «Sozialfällen» werden, die Abwanderung einer immer grösseren Zahl von Menschen aus Ländern, in denen es überhaupt keine Erwerbsmöglichkeiten gibt, in andere Länder, wo es im Vergleich zur vorhandenen Bevölkerung viel zu viele Erwerbsmöglichkeiten gibt, das damit verbundene, immer drastischere Auseinanderklaffen zwischen Zentren des Reichtums und Zonen der Armut, das rücksichtslose Verprassen natürlicher Ressourcen auf Kosten zukünftiger Generationen, die unaufhaltsame Verbetonierung wertvollsten Kulturlandes, die überfüllten Züge, die verstopften Strassen – dies alles ist ja nicht über Nacht zufällig vom Himmel gefallen, sondern ist nichts anderes als die ganz natürliche und logische Folge jenes Wirtschaftssystems, das man Kapitalismus nennt, und das nicht auf soziale Gerechtigkeit und schon gar nicht auf den Respekt gegenüber Mensch und Natur ausgerichtet ist, sondern einzig und allein darauf, mithilfe der Herstellung, des Handels und des Verkaufs einer unablässig wachsenden Menge an Gütern einen möglichst grossen und unablässig wachsenden materiellen Profit zu erzeugen.
Das Fatale daran ist, dass ausgerechnet die SVP, die bei jeder Gelegenheit für die grösstmögliche «Freiheit» und Selbstentfaltung einer durch und durch wachstumsorientierten kapitalistischen Wirtschaftslogik eintritt und sich gegen jegliche staatliche Kontrolle oder Einmischung zur Wehr setzt, gleichzeitig aus den zerstörerischen und lebensfeindlichen Auswirkungen dieses Systems am allermeisten politisches Kapital zu schlagen vermag, indem es ihr nämlich immer und immer wieder gelingt, die in der Bevölkerung vorhandenen Ängste und Frustrationen auf eine ganz bestimmte Gruppe von Menschen, die so genannten «Ausländerinnen» und «Ausländer», umzulenken.
Erst eine umfassende und tiefgreifende Analyse der Prinzipien und daraus resultierenden Auswirkungen des kapitalistischen Denk-, Geld- und Wirtschaftssystems kann diesen Schwindel ans Licht bringen. So lange dies nicht erfolgt, kann keine echte Alternative zu jener «Masslosigkeit» in Form der kapitalistischen Wachstumsideologie entwickelt werden, der wir alle zusammen – ob «Linke» oder «Rechte», ob SP oder SVP – gleichermassen unterworfen sind. Einfach gesagt: Wir brauchen eine von Grund auf neue, nicht auf die Bedürfnisse des nach seiner Selbstvermehrung schreienden Kapitals, sondern auf die Bedürfnisse von Mensch und Natur ausgerichtete Wirtschaftsordnung. Alles andere ist reine Symptombekämpfung, Augenwischerei und Selbsttäuschung.

http://petersutter.blogspot.ch/

Das Ende der Arbeit

Bereits 1995 hat Jeremy Rifkin das Buch geschrieben: “ Das Ende der Arbeit „.

Heute sind wir an einem Punkt angelangt, wo Politiker und Ökonomen mit allen Mitteln und viel Geld die Wirtschaft „in Schwung“ bringen wollen, um eine Vollbeschäftigung zu erreichen. Doch die Bemühungen verpuffen mit kaum spürbarem Effekt. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn die grundsätzlichen Fragen werden gar nicht gestellt.

Roboter tränkt PflanzeOb wir all diese Güter benötigen oder ob diese nicht besser durch Maschinen hergestellt werden, wird nicht gefragt. Oder dass zumindest die sogenannte westliche Welt eine Konsumsättigung erreicht hat, die sich nicht mehr sinnvoll weiter steigern lässt.

Ganz offensichtlich stecken die Ökonomen und Politiker in einer tiefen Orientierungskrise. Sie haben keine Antworten und Lösungen für eine Welt mit viel weniger Arbeit. Darüber müssen wir aber dringend nachdenken. Es darf nicht sein, dass nur diejenigen mit einer Arbeitsstelle ein gutes Leben führen können und alle anderen leer ausgehen. Ebenso besteht eine grosse Gefahr, dass Konzerne die Gewinne aus der grössere Produktivität nicht an die Mitarbeiter weiterreichen, sondern hauptsächlich für ihre Aktionäre abzweigen.

Es gibt keinen Grund, die Maschinen, die oft mühselige, eintönige oder gefährliche Arbeit erledigen, zu verteufeln. Durch die Maschinen werden in kürzerer Zeit mehr Güter hergestellt. Die Herausforderung ist, diese Güter nun gerecht unter den Menschen zu verteilen, auch wenn nicht alle zum Entstehen dieser beigetragen haben. Über den Erwerbslohn ist dies konsequenterweise nicht mehr möglich, da nicht alle eine Erwerbsarbeit finden können.

Das  bedingungslose Grundeinkommen  ist eine Antwort.

Aktuelle im Spiegel zu diesem Thema:  Maschinen verdrängen Menschen .

Wirtschaftswissenschaft als Religion

Tomas SedlacekWirtschaftswissenschaften werden unterrichtet wie eine Religion, kritisiert der tschechische Ökonom Tomáš Sedláček. Im Interview spricht er über die richtigen Fragen, Glück und unsere Zahlenbesessenheit.
Interview Paula Scheidt
Herr Sedláček, Sie haben vergangene Woche mit Studierenden der HSG über die Zukunft der Arbeit diskutiert. Was hat Sie motiviert, an der Konferenz teilzunehmen?

Ich habe selbst als Student einen Ökonomie-Klub organisiert und viel von den Debatten gelernt, die wir dort geführt haben. Paul Walker war als Gast bei uns und Joseph Stieglitz, einige Wochen bevor er den Nobelpreis gewonnen hat. Es ist einfacher, als man denkt, renommierte Redner einzuladen. Ich möchte alle Studierenden dazu ermutigen, das auch zu tun. Man hat nie wieder im Leben so viel Zeit zum Diskutieren wie während des Studiums.

Wie war Ihr Eindruck in St. Gallen?

Was ich von den Studierenden gehört habe, stimmt mich sehr zuversichtlich. Sie werden später das Land führen. Es gibt niemanden, der ihnen diese Verantwortung abnehmen wird. Ich habe das früher auch nicht geglaubt, aber so ist es: Es ist unsere Welt, und wir sollten sie so formen, wie wir sie wollen.

Im Wirtschaftsstudium wird wenig diskutiert, sondern vor allem gerechnet.

Das halte ich für problematisch. Mathematik ist für Ökonomen so hilfreich wie Schachspielen für Kriegsstrategen: Es schult das Denken, und es hilft, vorauszuplanen. Aber wir wissen: Im wirklichen Leben bewegen sich die Pferde nicht in einer L-Form. Deshalb wird man nie ein guter Kriegsstratege, nur weil man Schach spielt.

Was sollte sich ändern?

Wenn man andere Disziplinen anschaut wie Politikwissenschaft, Soziologie, Recht oder Philosophie, dann ist das Studium dort folgendermassen aufgebaut: In den ersten zwei Jahren wird den Studierenden die Geschichte der jeweiligen Disziplin beigebracht.

Und zwar aus einem einzigen Grund: damit sie verstehen, dass es so etwas wie eine heilige Wahrheit nicht gibt. Stattdessen existieren viele verschiedene Theorien. Dadurch lernen die Studierenden, die Dinge mit etwas Distanz zu betrachten. Nach dem Motto: Ein neues Modell ist schön und gut, aber ich kenne schon viele andere, und das ist nur ein weiteres.

Wie sieht es derzeit aus?

Wir tun so, als seien die Wirtschaftswissenschaften eine Religion: In den ersten zwei Jahren bringen wir den Studierenden strengen, ökonomischen Katholizismus bei. Wenn ihr Glaube dann stark ist, zeigen wir ihnen die sogenannten alternativen Schulen. Als würde man einem Katholiken sagen: Es gibt übrigens auch Buddhismus und Hinduismus.

Man stelle sich einmal vor, wie die Wirtschaftswissenschaften aussehen würden, wenn wir zuerst drei Jahre lang Hayek und Schumpeter unterrichten würden. Und danach würden wir sagen: So, jetzt rechnen wir einmal ein bisschen. Einige Studierende fänden das interessant, andere würden sich weigern. Und das wäre gut so. Denn es gibt keinerlei Beweise dafür, dass eine der vielen Denkschulen heilig ist.

Sie schreiben, wir seien besessen von Zahlen.

Niemand kennt die Zukunft. Wir Ökonomen aber meinen, sie zu kennen. Wir produzieren jeden Tag sehr viele sehr genaue Zahlen. Anschliessend haben wir kluge Erklärungen, warum das, was wir vorhergesagt haben, nicht eingetroffen ist. Dabei kann man auch ohne exakte Prognosen in ökonomischen Begriffen über unsere Gesellschaft nachdenken.

Wie würde das aussehen?

Wenn man ein Auto fährt und kein neues Benzin tankt, dann wird das Auto irgendwo zwischen 500 und 2000 Kilometern stehenbleiben. Wir wissen nicht genau, wo. Aber irgendwann wird man tanken müssen. Das ist eine vernünftige Vorhersage. Das Beste, was wir entwickeln können, sind Strategien oder mögliche Szenarien. Wir wissen nicht, wann der nächste Krieg ausbricht, wir wissen nicht, wann das Gas ausgeht, wir kennen die Situation der Banken nicht.

Was ist die Ursache für diese deterministischen Prognosen?

Unsere ökonomischen Modelle sind nach dem Vorbild der Physik modelliert. Als die ökonomischen Modelle entstanden sind, war Physik gerade eine sehr erfolgreiche Wissenschaft. Deshalb waren wir fasziniert von ihren Methoden. Vermutlich wäre es sinnvoller gewesen, sich an der Biologie zu orientieren, die lebendige Organismen untersucht, oder an der Soziologie, die vom Menschen ausgeht. Physik untersucht hingegen tote Objekte. Was erhält man, wenn man ein lebendiges Objekt durch die Augen einer toten Wissenschaft betrachtet? Einen Zombie. Ein Zombie ist sehr effizient. Aber er greift dich an.

Was hat das für Implikationen?

Wir fragen uns: Funktioniert die Wirtschaft, oder funktioniert sie nicht? Das ist aber eine dumme Frage. Wir sollten uns fragen: Funktioniert die Wirtschaft so, wie wir es wollen? Das nächste Problem ist: Wir wissen gar nicht genau, was wir von der Wirtschaft erwarten. Soll sie uns reich machen? Soll sie effizient sein? Soll sie für Gerechtigkeit sorgen? Soll sie uns möglichst glücklich machen? Soll sie Demokratie ermöglichen? All diese Fragen wurden nie geklärt.

Sie gehen hart mit den Wirtschaftswissenschaften ins Gericht.

Wenn jemand ein Literaturkritiker ist, verdächtigt niemand ihn, Literatur zu hassen. Im Gegenteil: Man nimmt an, dass er die Literatur liebt. So ist es auch bei mir. Ich kritisiere die Wirtschaft, weil ich sie liebe. Es gibt eine Menge, wofür wir dankbar sein sollten. Aber wir sollten auch verstehen, dass unser Wirtschaftssystem nicht perfekt ist. Deshalb müssen wir es besser machen. So, wie man die Technologie von Autos verbessert, um die Zahl der Unfälle zu reduzieren.

Welchen Rat geben Sie Studierenden?

Sie sollten verstehen, dass es sich bei ökonomischen Modellen nicht um eine exakte Wissenschaft, sondern um eine Religion handelt. Und sie sollten sie anwenden wie eine Religion. Wenn man als Atheist in eine Kirche geht, bringt man auch eine gesunde Portion Skepsis mit.

Quelle…

Zeit für eine andere Welt

Warum der Kapitalismus keine Zukunft hat

von Peter Sutter

Zeit für eine andere WeltAngesichts der unabsehbaren Folgen der gegenwärtigen Weltwirtschaftskrise, der immer grösser werdenden Kluft zwischen Armut und Reichtum sowie aller weiterer Zukunftsbedrohungen bis hin zur globalen Klimakatastrophe kommt Peter Sutter zum Schluss, dass der Kapitalismus keine Zukunft hat und dass es unerlässlich ist, ihn durch eine neue, von Grund auf andere Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung zu ersetzen. Peter Sutter geht in seinem Buch schwerpunktmässig auf die wirtschaftlichen, sozialen und gesellschaftspolitischen Verhältnisse in der Schweiz ein, die Sichtweise sowie die daraus gewonnenen Erkenntnisse lassen sich aber auf sämtliche kapitalistische Staaten sowie auf das weltweite Wirken des kapitalistischen Wirtschaftssystems übertragen. Ein Buch, das nicht nur die bestehenden Verhältnisse kritisch hinterfragt, sondern vor allem auch Mut machen will, sich auf den Weg zum Aufbau einer neuen, friedlichen, sozial gerechten und zukunftsfähigen Welt zu machen.

>>> Leseprobe

ISBN 978-3-8423-5998-7 / 14. Sept. 2011