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Wirtschaftswissenschaft als Religion

Tomas SedlacekWirtschaftswissenschaften werden unterrichtet wie eine Religion, kritisiert der tschechische Ökonom Tomáš Sedláček. Im Interview spricht er über die richtigen Fragen, Glück und unsere Zahlenbesessenheit.
Interview Paula Scheidt
Herr Sedláček, Sie haben vergangene Woche mit Studierenden der HSG über die Zukunft der Arbeit diskutiert. Was hat Sie motiviert, an der Konferenz teilzunehmen?

Ich habe selbst als Student einen Ökonomie-Klub organisiert und viel von den Debatten gelernt, die wir dort geführt haben. Paul Walker war als Gast bei uns und Joseph Stieglitz, einige Wochen bevor er den Nobelpreis gewonnen hat. Es ist einfacher, als man denkt, renommierte Redner einzuladen. Ich möchte alle Studierenden dazu ermutigen, das auch zu tun. Man hat nie wieder im Leben so viel Zeit zum Diskutieren wie während des Studiums.

Wie war Ihr Eindruck in St. Gallen?

Was ich von den Studierenden gehört habe, stimmt mich sehr zuversichtlich. Sie werden später das Land führen. Es gibt niemanden, der ihnen diese Verantwortung abnehmen wird. Ich habe das früher auch nicht geglaubt, aber so ist es: Es ist unsere Welt, und wir sollten sie so formen, wie wir sie wollen.

Im Wirtschaftsstudium wird wenig diskutiert, sondern vor allem gerechnet.

Das halte ich für problematisch. Mathematik ist für Ökonomen so hilfreich wie Schachspielen für Kriegsstrategen: Es schult das Denken, und es hilft, vorauszuplanen. Aber wir wissen: Im wirklichen Leben bewegen sich die Pferde nicht in einer L-Form. Deshalb wird man nie ein guter Kriegsstratege, nur weil man Schach spielt.

Was sollte sich ändern?

Wenn man andere Disziplinen anschaut wie Politikwissenschaft, Soziologie, Recht oder Philosophie, dann ist das Studium dort folgendermassen aufgebaut: In den ersten zwei Jahren wird den Studierenden die Geschichte der jeweiligen Disziplin beigebracht.

Und zwar aus einem einzigen Grund: damit sie verstehen, dass es so etwas wie eine heilige Wahrheit nicht gibt. Stattdessen existieren viele verschiedene Theorien. Dadurch lernen die Studierenden, die Dinge mit etwas Distanz zu betrachten. Nach dem Motto: Ein neues Modell ist schön und gut, aber ich kenne schon viele andere, und das ist nur ein weiteres.

Wie sieht es derzeit aus?

Wir tun so, als seien die Wirtschaftswissenschaften eine Religion: In den ersten zwei Jahren bringen wir den Studierenden strengen, ökonomischen Katholizismus bei. Wenn ihr Glaube dann stark ist, zeigen wir ihnen die sogenannten alternativen Schulen. Als würde man einem Katholiken sagen: Es gibt übrigens auch Buddhismus und Hinduismus.

Man stelle sich einmal vor, wie die Wirtschaftswissenschaften aussehen würden, wenn wir zuerst drei Jahre lang Hayek und Schumpeter unterrichten würden. Und danach würden wir sagen: So, jetzt rechnen wir einmal ein bisschen. Einige Studierende fänden das interessant, andere würden sich weigern. Und das wäre gut so. Denn es gibt keinerlei Beweise dafür, dass eine der vielen Denkschulen heilig ist.

Sie schreiben, wir seien besessen von Zahlen.

Niemand kennt die Zukunft. Wir Ökonomen aber meinen, sie zu kennen. Wir produzieren jeden Tag sehr viele sehr genaue Zahlen. Anschliessend haben wir kluge Erklärungen, warum das, was wir vorhergesagt haben, nicht eingetroffen ist. Dabei kann man auch ohne exakte Prognosen in ökonomischen Begriffen über unsere Gesellschaft nachdenken.

Wie würde das aussehen?

Wenn man ein Auto fährt und kein neues Benzin tankt, dann wird das Auto irgendwo zwischen 500 und 2000 Kilometern stehenbleiben. Wir wissen nicht genau, wo. Aber irgendwann wird man tanken müssen. Das ist eine vernünftige Vorhersage. Das Beste, was wir entwickeln können, sind Strategien oder mögliche Szenarien. Wir wissen nicht, wann der nächste Krieg ausbricht, wir wissen nicht, wann das Gas ausgeht, wir kennen die Situation der Banken nicht.

Was ist die Ursache für diese deterministischen Prognosen?

Unsere ökonomischen Modelle sind nach dem Vorbild der Physik modelliert. Als die ökonomischen Modelle entstanden sind, war Physik gerade eine sehr erfolgreiche Wissenschaft. Deshalb waren wir fasziniert von ihren Methoden. Vermutlich wäre es sinnvoller gewesen, sich an der Biologie zu orientieren, die lebendige Organismen untersucht, oder an der Soziologie, die vom Menschen ausgeht. Physik untersucht hingegen tote Objekte. Was erhält man, wenn man ein lebendiges Objekt durch die Augen einer toten Wissenschaft betrachtet? Einen Zombie. Ein Zombie ist sehr effizient. Aber er greift dich an.

Was hat das für Implikationen?

Wir fragen uns: Funktioniert die Wirtschaft, oder funktioniert sie nicht? Das ist aber eine dumme Frage. Wir sollten uns fragen: Funktioniert die Wirtschaft so, wie wir es wollen? Das nächste Problem ist: Wir wissen gar nicht genau, was wir von der Wirtschaft erwarten. Soll sie uns reich machen? Soll sie effizient sein? Soll sie für Gerechtigkeit sorgen? Soll sie uns möglichst glücklich machen? Soll sie Demokratie ermöglichen? All diese Fragen wurden nie geklärt.

Sie gehen hart mit den Wirtschaftswissenschaften ins Gericht.

Wenn jemand ein Literaturkritiker ist, verdächtigt niemand ihn, Literatur zu hassen. Im Gegenteil: Man nimmt an, dass er die Literatur liebt. So ist es auch bei mir. Ich kritisiere die Wirtschaft, weil ich sie liebe. Es gibt eine Menge, wofür wir dankbar sein sollten. Aber wir sollten auch verstehen, dass unser Wirtschaftssystem nicht perfekt ist. Deshalb müssen wir es besser machen. So, wie man die Technologie von Autos verbessert, um die Zahl der Unfälle zu reduzieren.

Welchen Rat geben Sie Studierenden?

Sie sollten verstehen, dass es sich bei ökonomischen Modellen nicht um eine exakte Wissenschaft, sondern um eine Religion handelt. Und sie sollten sie anwenden wie eine Religion. Wenn man als Atheist in eine Kirche geht, bringt man auch eine gesunde Portion Skepsis mit.

Quelle…